Gruppenoperationen
Bisher haben wir Gruppen als algebraische Strukturen für sich betrachtet. Aber oft interessiert uns, wie eine Gruppe auf anderen mathematischen Objekten "wirkt".
Beispiele aus der Intuition:
- Die Drehgruppe wirkt auf die Punkte einer Ebene (sie dreht sie)
- Die symmetrische Gruppe wirkt auf Teilmengen von (sie permutiert die Elemente)
- Eine Gruppe kann sogar auf sich selbst wirken (durch Multiplikation von links)
Das Konzept der Gruppenoperation (oder Gruppenwirkung) formalisiert diese Idee. Es ist eines der mächtigsten Werkzeuge der Gruppentheorie und hat weitreichende Anwendungen.
Die Grundidee:
Wir haben eine Gruppe und eine Menge . Eine "Operation" oder "Wirkung" von auf bedeutet: Jedes Gruppenelement "tut etwas" mit den Elementen von .
Wenn wir auf anwenden, erhalten wir ein neues Element .
Dabei müssen zwei natürliche Bedingungen gelten:
1. Das neutrale Element "tut nichts":
2. Hintereinanderausführung funktioniert konsistent:
Gruppenoperation (Gruppenwirkung)
Es sei eine Gruppe und eine Menge. Eine (Links-)Operation von auf ist eine Abbildung
die folgende zwei Bedingungen erfüllt:
(O1) (das neutrale Element wirkt trivial)
(O2) (Kompatibilität)
Wir sagen dann: "G operiert auf M" oder "G wirkt auf M".
Die natürliche Operation von
Die natürliche Operation von
Die symmetrische Gruppe operiert auf die offensichtlichste Weise auf :
Für eine Permutation und ein Element ist einfach das Bild von unter .
Prüfung der Axiome:
(O1):
(O2):
Diese Operation ist die "Urmutter" aller Gruppenoperationen, wie wir gleich sehen werden.
Linksoperation durch Multiplikation
Linksoperation durch Multiplikation
Jede Gruppe operiert auf sich selbst durch Linksmultiplikation:
Prüfung der Axiome:
(O1):
(O2):
Diese Operation wird später beim Satz von Cayley eine entscheidende Rolle spielen.
Zusammenhang: Operationen und Homomorphismen
Es gibt eine enge Beziehung zwischen Gruppenoperationen und Homomorphismen in die symmetrische Gruppe:
a) Jeder Homomorphismus definiert eine Operation von auf durch:
b) Umgekehrt: Jede Operation von auf stammt von einem Homomorphismus .
Operationen von auf entsprechen also bijektiv den Homomorphismen .
Bahn und Stabilisator
Sei eine Gruppe, die auf operiert. Für definieren wir:
Die Bahn von ist die Menge aller Elemente, auf die "bewegt" werden kann:
Der Stabilisator von ist die Menge aller Gruppenelemente, die festhalten:
Der Stabilisator ist immer eine Untergruppe von .
Die Bahnrelation ist eine Äquivalenzrelation
Operiert auf , so wird durch
eine Äquivalenzrelation auf definiert. Die Äquivalenzklassen sind genau die Bahnen.
Insbesondere ist die disjunkte Vereinigung aller Bahnen.
Bahnen bei der Zykelzerlegung
Bahnen bei der Zykelzerlegung
Sei und die von erzeugte zyklische Untergruppe. Dann operiert auf .
Die Bahnen dieser Operation entsprechen genau den Zykeln in der Zykelzerlegung von !
Beispiel: Für sind die Bahnen:
- (der erste Zykel)
- (der zweite Zykel)
Die Zerlegung in disjunkte Zykel ist also nichts anderes als die Zerlegung von in Bahnen unter der Operation von .
Bahnbilanzformel
Sei eine endliche Gruppe, die auf operiert, und sei . Dann gilt:
Die Größe einer Bahn ist also gleich dem Index des Stabilisators.
Insbesondere teilt die Gruppenordnung .
Zusammenfassung
Eine Gruppenoperation ist eine Abbildung mit und
Gruppenoperationen entsprechen bijektiv Homomorphismen
Der Satz von Cayley: Jede Gruppe ist isomorph zu einer Untergruppe einer symmetrischen Gruppe
Die Bahn ist die Menge aller erreichbaren Elemente
Der Stabilisator ist die Untergruppe der Elemente, die festhalten
Bahnbilanzformel:
Übungen
Die Gruppe operiert auf durch . Bestimme die Bahn von und den Stabilisator von .
Die Gruppe operiert auf . Wie viele Bahnen hat diese Operation?
Erkläre, warum der Stabilisator immer eine Untergruppe von ist.