Homomorphismen von Gruppen
Bisher haben wir einzelne Gruppen betrachtet und ihre innere Struktur untersucht: Untergruppen, Erzeugendensysteme, zyklische Gruppen. Jetzt erweitern wir unseren Blick und fragen: Wie hängen verschiedene Gruppen zusammen?
In der modernen Mathematik ist es ein fundamentales Prinzip, nicht nur Objekte zu studieren, sondern vor allem die Abbildungen zwischen ihnen. Diese Sichtweise – das Studium von "Morphismen" – durchzieht die gesamte Algebra und darüber hinaus.
Stellen wir uns folgende Situation vor: Wir haben zwei Gruppen und . Eine beliebige Abbildung würde die Gruppenstruktur komplett ignorieren. Aber was wäre, wenn die Abbildung die Struktur "respektiert"?
Die Grundidee:
Eine "gute" Abbildung zwischen Gruppen sollte die Verknüpfung respektieren. Was bedeutet das konkret?
Wenn wir zwei Elemente haben, können wir sie auf zwei Arten nach bringen:
Weg 1: Erst verknüpfen, dann abbilden:
Weg 2: Erst abbilden, dann verknüpfen: dann
Eine strukturerhaltende Abbildung ist eine, bei der beide Wege zum gleichen Ergebnis führen. Diese Idee führt uns zur zentralen Definition dieses Abschnitts.
Gruppenhomomorphismus
Es seien und zwei Gruppen. Eine Abbildung heißt (Gruppen-)Homomorphismus, wenn für alle gilt:
Die Abbildung "übersetzt" also die Verknüpfung in in die Verknüpfung in . Links steht: "erst verknüpfen, dann abbilden". Rechts steht: "erst abbilden, dann verknüpfen". Die Homomorphismus-Eigenschaft fordert, dass beides dasselbe ergibt.
Die Menge aller Homomorphismen von nach wird mit bezeichnet.
Der triviale Homomorphismus
Der triviale Homomorphismus
Für je zwei Gruppen und gibt es immer mindestens einen Homomorphismus: den trivialen Homomorphismus, der jedes Element auf das neutrale Element abbildet.
Sei definiert durch für alle .
Ist das wirklich ein Homomorphismus? Wir prüfen:
Ja! Der triviale Homomorphismus ist nicht sehr interessant, aber er zeigt, dass nie leer ist.
Die Exponentialfunktion
Die Exponentialfunktion
Ein wunderschönes Beispiel: Die Abbildung ist ein Homomorphismus.
Wir erinnern uns an die fundamentale Eigenschaft der e-Funktion aus der Analysis:
In unserer Sprache:
Links steht die Gruppenverknüpfung in – die Addition.
Rechts steht die Gruppenverknüpfung in – die Multiplikation.
Die Exponentialfunktion "übersetzt" Addition in Multiplikation! Dies ist kein Zufall, sondern der tiefere Grund, warum Logarithmenrechnen funktioniert.
Historisch wurden Logarithmentafeln genau aus diesem Grund erfunden: Um Multiplikationen (aufwendig) durch Additionen (einfach) zu ersetzen.
Potenzen eines festen Elements
Potenzen eines festen Elements
Sei eine beliebige Gruppe und ein festes Element. Dann ist die Abbildung
ein Homomorphismus. Dabei ist die -te Potenz von (für negative entsprechend ).
Warum ist das ein Homomorphismus?
Das Bild dieses Homomorphismus ist genau die von erzeugte Untergruppe .
Eigenschaften von Homomorphismen
Sei ein Gruppenhomomorphismus. Dann gelten:
a) (Das neutrale Element wird auf das neutrale Element abgebildet)
b) Für alle : (Inverse werden auf Inverse abgebildet)
Diese Eigenschaften folgen zwingend aus der Homomorphismus-Eigenschaft – wir müssen sie nicht extra fordern!
Spezielle Typen von Homomorphismen
Je nach Eigenschaften der Abbildung hat ein Homomorphismus verschiedene Namen:
Monomorphismus: Ein injektiver Homomorphismus.
(Verschiedene Elemente werden auf verschiedene Elemente abgebildet. "Mono" = einzeln, allein)
Epimorphismus: Ein surjektiver Homomorphismus.
(Jedes Element in wird getroffen. "Epi" = auf, über)
Isomorphismus: Ein bijektiver Homomorphismus.
(Injektiv und surjektiv. Dies ist der wichtigste Begriff!)
Endomorphismus: Ein Homomorphismus von in sich selbst, also .
("Endo" = innen)
Automorphismus: Ein bijektiver Endomorphismus, also ein Isomorphismus von nach .
("Auto" = selbst)
Warum sind Isomorphismen so wichtig?
Wenn es einen Isomorphismus gibt, dann sind und aus algebraischer Sicht identisch. Sie unterscheiden sich nur durch die "Namen" ihrer Elemente.
Die Bijektion stellt eine vollständige Korrespondenz her:
- Jedes entspricht genau einem
- Die Verknüpfungen entsprechen einander: in entspricht in
Wenn (sprich: " ist isomorph zu "), dann hat jede algebraische Aussage über eine entsprechende Aussage über – und umgekehrt.
Isomorphie konkreter Gruppen
Isomorphie konkreter Gruppen
Die Gruppen und sind isomorph.
Der Isomorphismus ist , (Verdopplung).
Injektiv? Wenn , dann . Ja!
Surjektiv? Jede gerade Zahl ist das Bild von . Ja!
Homomorphismus? . Ja!
Obwohl eine echte Teilmenge von ist, sind die beiden Gruppen strukturell gleich!
Kern eines Homomorphismus
Sei ein Gruppenhomomorphismus. Der Kern von ist die Menge aller Elemente, die auf das neutrale Element abgebildet werden:
Der Kern misst, wie "weit weg" der Homomorphismus von der Injektivität ist.
Zusammenhang: Kern und Injektivität
Sei ein Gruppenhomomorphismus. Dann gilt:
ist injektiv
Der Kern besteht also genau dann nur aus dem neutralen Element, wenn injektiv ist.
Bild eines Homomorphismus
Sei ein Gruppenhomomorphismus. Das Bild von ist die Menge aller Elemente in , die von getroffen werden:
Offensichtlich gilt: ist surjektiv .
Kern und Bild sind Untergruppen
Sei ein Gruppenhomomorphismus. Dann gilt:
a) ist eine Untergruppe von .
b) ist eine Untergruppe von .
Homomorphismen liefern uns also automatisch Untergruppen!
Kern der Exponentialfunktion
Kern der Exponentialfunktion
Betrachten wir nochmals .
Kern: Welche reellen Zahlen erfüllen ? Nur !
Also:
Da der Kern nur aus dem neutralen Element besteht, ist injektiv.
Bild: Jede positive reelle Zahl kann als geschrieben werden.
Also:
Da das Bild ganz ist, ist surjektiv.
Zusammen: ist ein Isomorphismus zwischen und !
Der Signum-Homomorphismus
Der Signum-Homomorphismus
Die Abbildung , definiert durch , ist ein Homomorphismus.
Prüfung:
Kern: Wann ist ? Genau dann, wenn gerade ist.
Also: (die geraden Zahlen)
Bild: Da und , ist .
Der Homomorphismus ist surjektiv, aber nicht injektiv (da der Kern mehr als nur enthält).
Komposition von Homomorphismen
Seien und Gruppenhomomorphismen. Dann ist auch die Komposition ein Gruppenhomomorphismus.
Ausserdem: Das Inverse eines Isomorphismus ist wieder ein Isomorphismus.
Zusammenfassung
Ein Homomorphismus erfüllt – er respektiert die Gruppenstruktur
Homomorphismen bilden auf und Inverse auf Inverse ab
Monomorphismus = injektiv, Epimorphismus = surjektiv, Isomorphismus = bijektiv
Der Kern ist eine Untergruppe von
Das Bild ist eine Untergruppe von
ist injektiv
Isomorphe Gruppen () sind algebraisch identisch
Übungen
Was ist ein Automorphismus?
Bestimme den Kern des Homomorphismus , definiert durch .
Sei ein Gruppenhomomorphismus. Welche Aussage ist äquivalent zu " ist injektiv"?